Lidl fragt...Experten antworten

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Den Wert von Lebensmitteln erkennen

Laure Berment setzt auf digitale Hebel, um Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu retten. Die Geschäftsführerin von „Too Good To Go“, das Unternehmen hinter der erfolgreichen App gegen Lebensmittelverschwendung, berichtet vom komplexen Verhältnis zwischen Mensch und Lebensmittel – und vom Klimaschutz, den man leistet, wenn man den Teller leer isst.   

Frau Berment, Lebensmittel wertschätzen, was bedeutet das für Sie persönlich?

Es bedeutet für mich das, was das Wort besagt. Nämlich den gesamten Wert von Nahrungsmitteln anzuerkennen. Alles, was dafür nötig ist. Die Bereitstellung der Böden, die Arbeitskraft, der Wasserverbrauch, die Verpackungsmaterialien. Es fließen so viele Ressourcen in die Herstellung von Lebensmitteln. Das wäre alles umsonst, würden wir sie am Ende wegwerfen. Wertschätzung heißt für mich, dass Verbraucher, Händler und Produzenten ein Gefühl für diesen großen Aufwand entwickeln und danach handeln. 

Über „Too Good To Go“ können Konsumenten Lebensmittel, die bei Händlern oder Restaurants übrigbleiben, mit Preisabschlag kaufen. Warum ist die App so ein Erfolg?

Weil alle Seiten Vorteile haben. Über unsere App leiten Einzelhändler, Bäckereien, Kantinen, Cafés und Restaurants ihre Überproduktion zum vergünstigten Preis an Selbstabholer weiter. So muss Überproduziertes nicht entsorgt werden. Seit dem Start von ‚Too Good To Go‘ in Deutschland vor vier Jahren konnte die durch die App geschaffene Community über 3,9 Millionen Mahlzeiten vor der Verschwendung retten.
 

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Wie groß ist das Problem der Lebensmittelverluste eigentlich?

Es ist gewaltig. In Deutschland wird pro Minute eine LKW-Ladung Lebensmittel weggeworfen. Das macht 18 Millionen Tonnen jährlich. Eigentlich produzieren wir auf der Erde mehr als genug Lebensmittel, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Trotzdem gehen 870 Millionen Menschen täglich hungrig ins Bett. Wir wollen, dass zumindest in den Ländern, in denen unsere App nutzbar ist, alle verfügbaren Lebensmittel die Menschen ernähren. Unsere große Motivation: Übrigbleibende Lebensmittel sind ein gewaltiges Klimaproblem. Bei der Produktion eines Kilogramms Nahrung entstehen 2,5 Kilo CO2 – umsonst, wenn dieses Essen niemanden ernähren kann. Unsere App hat damit rechnerisch in Deutschland schon ungefähr 90.000 Tonnen CO2 eingespart, soviel wie 10.000 Haushalte in einem Jahr freisetzen.

Discounter wie Lidl verkaufen zu günstigen Preisen. Fördert das nicht die Entstehung überschüssiger Lebensmittel?

Im Einzelhandel fallen im Durchschnitt nur vier Prozent der Lebensmittelverluste an. Der Rest entsteht entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Produktion bis zum verbrauchenden Haushalt. Die Gründe für die Überschüsse haben da oft wenig nur mit dem Preis zu tun. Es geht los mit wettertechnisch schwer planbaren Produktmengen bei Produzenten. Restaurants tun sich häufig nicht leicht, die richtigen Mengen zu kalkulieren. Verpackungsgrößen sind ungenau auf Konsumenten abgestimmt. Oder es gibt Missverständnisse beim Verbraucher über die Haltbarkeit von Produkten oder deren äußeres Aussehen. Da bleiben überall Nahrungsmittel übrig. Hier geht es aus meiner Sicht nicht nur um günstige Preise, sondern auch um Aufklärung darüber, dass in jedem Lebensmittel enormer Aufwand steckt, wenn es beim Händler im Regal liegt und deshalb wertgeschätzt werden sollte.

Wie bewerten Sie die von Lidl selbst gestartete „Ich bin noch gut“- Kampagne, bei der noch einwandfreie Lebensmittel, die aber kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen, rabattiert angeboten werden?

Das ist aus unserer Sicht ein gutes Zeichen, dass sich immer mehr Einzelhändler und Produzenten um das Thema Lebensmittelverschwendung kümmern und nach Lösungen suchen. Fortschritte sind nur möglich, wenn sich alle daran beteiligen. Da hat Lidl als einer der ‚Big Player‘ im Einzelhandel die Möglichkeit, sehr viele Menschen zu informieren, und langfristig etwas zu verändern.

Sollte diese Art Aufklärung nicht schon viel früher beginnen, etwa in der Schule?

Klares ja. Aufklärung des Konsumenten, das steht für uns genauso im Mittelpunkt, wie die Verwertung aller Lebensmittel durch unsere App. Bei Too Good To Go bieten wir beispielsweise Lehrmittel für Unterricht an. Es geht darum, ein Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln aufzubauen. Und das funktioniert ganz klar am besten über Kommunikation und Bildung.

Was kann denn der Verbraucher ganz konkret für weniger Lebensmittelverluste tun? 

Der Konsument spielt eine zentrale Rolle bei ihrer Vermeidung. Bedenken Sie, dass mehr als die Hälfte der Lebensmittelüberschüsse in Privathaushalten anfallen. Konsumenten müssen deshalb etwa darüber informiert werden, dass Nahrungsmittel durchaus länger genießbar sein können, als es der Datumsaufdruck über die Mindesthaltbarkeit vermuten lässt. Deshalb haben wir ja auch den ‚Oft länger gut‘-Hinweis auf Lebensmittelverpackungen ins Leben gerufen. Eine Kampagne, der sich mittlerweile über 50 Lebensmittelproduzenten, darunter auch Einzelhandelsunternehmen wie Lidl, angeschlossen haben. Seit Anfang 2020 stehen Artikel mit diesem Label in den Regalen und fordern Verbraucher auf, mehr ihren Sinnen zu vertrauen. Wir hoffen, dass sich die Politik von dieser Kampagne inspirieren lässt und zum Beispiel das Kennzeichnungsrecht entsprechend anpasst. 

 

Zur Person: Laure Berment

Laure Berment setzt sich seit mehreren Jahren für eine bessere Welt ein. Bevor sie Geschäftsführerin der App Too Good To Go wurde, hat sie als Country-Managerin des Sozialunternehmens Marktschwärmer regionale Lebensmittelerzeuger unterstützt. Die Absolventin der französischen Elite Business School Essec wurde 2016 von Forbes zu den „Top 30 unter 30“ in der Kategorie Retail & E-Commerce gewählt.

Über die App:

Too Good To Go ist eine App, mit der Nutzer Lebensmittel retten können. Über die App bieten Restaurants, Bäckereien, Supermärkte und Hotels ihre überproduzierten Mahlzeiten und Produkte zu einem reduzierten Preis an. Das Social Impact Business engagiert sich darüber hinaus in allen involvierten Sektoren von der Politik bis zu den Privathaushalten für die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung. Oft länger gut ist die aktuelle Kampagne von Too Good To Go, die Verbraucher zuhause dafür sensibilisiert, dass Produkte trotz abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum noch gut sein können.