Lidl fragt...Experten antworten

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Produzieren, nutzen, wegwerfen war gestern

Kreislaufwirtschaft ist das Gebot der Stunde, wenn unsere Lebensgrundlagen erhalten werden sollen. Im Interview erläutert Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, wie der Einstieg von Wirtschaft und Gesellschaft in die Wiederverwertung bei Wertstoffen gelingen kann – zum Beispiel bei Plastik.

Herr Fischedick, kaum ein Verpackungsmaterial bekommt derzeit so negative Schlagzeilen wie Plastik – berechtigt aus Ihrer Sicht?

Die angemessene Antwort lautet, wir müssen uns vom Schwarz-Weiß-Denken trennen. Plastik ist ein praktischer Rohstoff, den man nicht grundsätzlich verteufeln sollte. Aber richtig ist auch: Kunststoffe müssen systematisch in eine Kreislaufwirtschaft einbezogen werden, so dass sich die Umweltbilanz dieses Verpackungsmaterials nachhaltig verbessern kann. Der Kreislaufgedanke ist für einen zukünftigen verantwortungsvollen Einsatz von Kunststoffen grundlegend. Notwendig ist zudem mehr Transparenz und Aufklärung: So ist es aus ökologischer Sicht zu einfach gedacht oder sogar kontraproduktiv, nun etwa alle Einweg-Kunststofftüten durch Einweg-Papiertüten zu ersetzen. Denn auch Papiertüten verursachen beträchtlichem Energieaufwand in der Herstellung. 

Welchen Wert hat Plastik als Rohstoff?

Richtig eingesetzt helfen Kunststoffe dabei, Ressourcen zu schonen. Sie verlängern etwa die Haltbarkeit von Lebensmitteln und beugen damit der Verschwendung von Nahrungsmitteln vor. Plastik ist auch ein leichtes Verpackungsmaterial. Das reduziert für viele Produkte den Energieverbrauch beim Transport. Bei der Plastiknutzung geht der Trend aber, was die absoluten Mengen anbelangt, in eine falsche Richtung: Plastikverpackungsabfälle haben sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Für die Produktion von neuem Plastik in Deutschland entstammen bisher nur etwa zehn Prozent des Ausgangsmaterials aus Altplastik. Wir müssen daher dringend viel stärker in die Kreislaufwirtschaft einsteigen. Denn den einfachen Dreiklang „produzieren, nutzen, wegwerfen“ können wir nicht mehr lange durchhalten, wenn wir unsere Lebensgrundlagen erhalten wollen. 
 

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Wie bekommt man solche Kreisläufe am besten in Gang?

Sortenreinheit steigern und Mengen reduzieren – ist die Formel. Zum Beispiel sollte auf Mehrfachverpackungen und auf Verbundmaterialien, etwa Papier und Plastik soweit wie eben möglich verzichtet werden. Kreislaufwirtschaft fängt entsprechend bereits beim Design von Verpackungen an, das auf sortenreines Plastik und möglichst geringe Materialmengen abzielen sollte. Dann können wir Wertstoffketten rasch schließen und Verpackungsabfälle mit geringem Energie- und Logistikaufwand wiederverwerten. Über das chemische Recycling, also die Aufspaltung von Restabfällen in sortenreine Polymere, können aus manchem Verbundplastik wieder wertvolle Einzelrohstoffe für die Produktion zurückgewonnen werden. Für den Aufbau von Kreisläufen müssen wir moderne Technologien nutzen. Dies gilt vor allem für die Digitalisierung. Schon einfache digitale Hilfsmittel könnten zum Beispiel die Verbrauchsströme von Plastik transparent machen. Wieviel Verpackungsplastik fällt wo an? Wo ist welche Plastikart, wie sortenrein verfügbar? Wenn diese Daten, die seit dem neuen Verpackungsgesetz von 2019 Plicht sind, direkt mit potentiellen Abnehmern verbunden werden, können Kunststoffe optimal im Kreislauf genutzt werden.

Kreisläufe schonen auch das Klima, weil Energie gespart wird. Im Klimaschutzpaket der Bundesregierung sucht man die Kreislaufwirtschaft indes vergeblich – warum?

Der Politik hat der Mut zu echter struktureller Veränderung gefehlt, obwohl die betriebswirtschaftlichen Kostenvorteile der Kreislaufwirtschaft für Unternehmen belegt sind. Man hat zu eng energiepolitisch gedacht und zu wenig in Gesamtsystemen. Immerhin könnten wir durch geschlossene Materialkreisläufe, konsequent und flächendeckend umgesetzt, 50 bis 60 Prozent des CO2-Ausstoßes der Industrie verringern. 

Was muss die Politik tun, damit Unternehmen in großem Stil in die Kreislaufwirtschaft einsteigen?

Unsere zuständigen Ministerien müssen sich bei der Vorbereitung von Gesetzen stärker miteinander vernetzen. Das Thema Plastikkreislauf berührt Verbraucheraspekte, Unternehmensaspekte, Umweltaspekte und Energieaspekte. Die Einführung von Mindestrecyclingquoten, Mindestquoten für den Rezyklateinsatz, eine klarere Kennzeichnung der Plastiksorten oder auch gezielte Abgaben auf Produkte können wichtige Impulse setzen, um Kreisläufe in Gang zu bringen. Wir brauchen auch auf deutscher Ebene einen Aktionsplan Kreislaufwirtschaft, wie ihn die EU schon verfolgt hat, in dem alle Maßnahmen zusammengefasst werden und Orientierungshilfen für die Wirtschaft gegeben werden. Die meisten Unternehmen haben nämlich schon verstanden, dass etwas getan werden muss – aber sie wissen noch nicht, wie sie das anpacken sollen. Dazu benötigen sie einen hinreichenden ökonomischen Rahmen und klare politische Signale. 

Wie wichtig sind Vorreiter der Kreislaufwirtschaft – etwa, wenn ein Einzelhändler wie Lidl seine PET-Einwegflaschen in einen vollständigen Plastikkreislauf überführt?

Dies sind Signale der Trendumkehr und des Aufbruchs. Gerade wenn ein kostenbewusster Discounter hier aktiv ist, zeigt dies, dass Kreislaufwirtschaft nicht unvertretbar teuer sein muss und dass man sie auch jetzt schon bei den in Deutschland gegebenen Rahmenbedingungen umsetzen kann. Das dürfte andere Einzelhändler oder Branchen zur Nachahmung bewegen. Verstärkt wird dies durch den steigenden Druck der Kunden, denn die Medienbilder von vermüllten Meeren machen Eindruck auf die Öffentlichkeit. Die konsequente Reduzierung von unnötigen Plastikverwendungen und die deutliche Steigerung der Wiederverwertung sind dafür die richtigen Antworten.
 

Über die Person

Manfred Fischedick ist promovierter Energie- und Verfahrenstechniker. Er berät die EU, die Bundesregierung und diverse Landesregierungen zu Energiewirtschaft und Klimathemen. Als Professor an der Bergischen Universität Wuppertal beschäftigt er sich mit der dynamischen Entwicklung von Märkten und unternehmerischen Chancen im Bereich Clean Technologies. Seit Januar ist er wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts, einem der international führenden Institute für angewandte Nachhaltigkeitsforschung.