Lidl fragt...Experten antworten

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Wenn Kakaobauern mehr übrigbleibt

Verbraucher sollten über die genaue Herkunft von Rohstoffen in Lebensmitteln informiert werden, argumentieren Abubakar Afful, Teamleiter von Fairtrade Africa für Kakao in Ghana, und Solomon Boateng, Certification Risk Manager der Kakao-Dachkooperative Kuapa Kokoo in Ghana und Koordinator des Lidl „Way To Go“- Projekts. Denn das bringt die Produzenten am Ursprung der Lieferkette der Existenzsicherung ein Stück näher.

Herr Boateng, auf der Lidl-Schokolade ‚Way To Go‘ lesen die Kunden, dass der Kakao von der Kakaokooperative Kuapa Kokoo in Ghana stammt. Bringt das den Produzenten etwas?

Auf jeden Fall. Denn die Verbraucher können damit direkt am Einkaufsregal auf die Existenzbedingungen der Farmer in den Anbauländern Einfluss nehmen. Sie können sich vorstellen, wer den Kakao produziert, und sich entschließen, diese Produzenten zu unterstützen. Das ist eine klare Verbesserung unserer Absatzbedingungen. Auch weil unsere Kooperativen bei „Way To Go“ nicht nur Fairtrade-Bedingungen bekommen, sondern obendrauf noch eine zusätzliche Prämie, mit der landwirtschaftliche Projekte zur Verbesserung der Lebenssituation unserer Mitglieder unterstützt werden.

Wie viele Kakaobauern profitieren bisher davon?

Bei Kuapa Kokoo sind 57 Anbaugemeinschaften zusammengeschlossen. Bislang liefert eine unserer Anbaugemeinschaften an das Projekt, so dass zunächst etwa 1.000 Bäuerinnen und Bauern direkt und etwa 2.000 indirekt profitieren. Wir hoffen, dass die Zahl der Bauern, die in das „Way To Go“ Projekt involviert sind, in den nächsten Jahren weiter steigen wird. Lidl ist ein großes, internationales Unternehmen. ‘Way To Go’ wird, außer in Deutschland, auch bereits in anderen Lidl-Ländern angeboten. Es ist ein gewaltiger Hebel, den der Lebensmitteleinzelhandel zur Verfügung hat – insbesondere bei der Verbraucherinformation aber auch bei den Erlösen. Das bringt uns als Kakaobauern ein Stück näher an die Existenzsicherung.
 

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Wann wäre für die Bauern die Existenzsicherung gegeben?
Damit wir vom Anbau leben und in die Landwirtschaft investieren können, müssten unsere Produzenten für jede Tonne Kakao mindestens 2.100 US-Dollar als Erlös auf Farmebene erhalten – das wäre existenzsichernd gemäß der Fairtrade-Studie zu existenzsichernden Einkommen. De facto sind es aber im konventionellen Handel durchschnittlich nur 1.470 Dollar. Es verbleibt also eine Lücke von 630 Dollar pro Tonne Rohkakao, die es zu überbrücken gilt.

Herr Afful, was trägt Fairtrade bei, um die Lücke zu schließen?

Fairtrade setzt für den Verkauf von Kakao unter Fairtrade-Bedingungen einen Mindestpreis von 2.400 Dollar pro Tonne fest, von dem auf Farmebene - nach Abzug von Kosten z.B. für Dienstleistungen der Behörden, den Transport oder die Qualitätsprüfung - für die Kakaobauern in etwa 1.500 bis 1.600 Dollar übrigbleiben. Dies dient vor allem als Sicherheitsnetz in Zeiten, in denen der Weltmarktpreis fällt. Dazu bekommen die Kooperativen eine Prämie von 240 Dollar pro Tonne Rohkakao, die für Projekte zugunsten aller Kakaokooperativen-Mitglieder genutzt wird und bei Kuapa Kokoo anteilig in bar ausgezahlt wird als ersten Schritt um diese Lücke zu schließen. Somit sind die Mitglieder vor den regelmäßigen Einkommensverlusten durch Preisschwankungen am Weltmarkt besser geschützt und können sicher planen. Bei der Festlegung des Mindestpreises sind wir nicht frei, denn er wird mit allen Akteuren der Lieferkette konsultiert und wir müssen darauf achten, dass die Käufer von Kakao, die Fairtrade-Produkte für die Endverbraucher herstellen, diesen und die Prämie auch bezahlen wollen. Das hängt wiederum davon ab, wieviel der Konsument im Laden bereit ist zu bezahlen. Deshalb sind direkte Kooperationen wie ‚Way To Go‘, zwischen Einzelhandel und Produzent, so wichtig. Wir brauchen Unternehmen wie Lidl, die sich heute und in Zukunft für existenzsichernde Einkommen einsetzen. 

Warum kann der garantierte Fairtrade-Mindestpreis nicht existenzsichernd sein?

Bei der Festlegung des Mindestpreises sind wir nicht frei. Denn wir müssen darauf achten, dass die Käufer von Kakao, die Fairtrade-Produkte für die Endverbraucher herstellen, diesen und die Prämie auch bezahlen wollen. Und das hängt wiederum davon ab, wieviel der Konsument im Laden bereit ist zu bezahlen. Deshalb sind direkte Kooperationen wie ‚Way To Go‘, zwischen Einzelhandel und Produzent, ja so wichtig. Je mehr Unternehmen bereit sind, sich am Schließen der Lücke aktiv zu beteiligen, desto näher werden wir einem existenzsichernden Einkommen für die Kakaobäuerinnen und -bauern kommen.

Herr Boateng, welchen Unterschied machen denn schon Fairtrade-Bedingungen allein im Alltag der Produzenten aus? 

Indem wir zu Fairtrade-Bedingungen produzieren, kann Kuapa Kokoo zum Beispiel Schulinfrastruktur für die Gemeinden und sogar eine Klinik zur freien Gesundheitsversorgung bieten. Die Produktion ist auch deutlich nachhaltiger als im konventionellen Kakaoanbau. Denn die Richtlinien verlangen umweltschonende Anbaumethoden und den Ausschluss von Kinderarbeit. Im Alltag spüren die Menschen hier also schon jetzt einen großen Unterschied.

Wird denn der gesamte Kakao einmal zu existenzsichernden Bedingungen in Produktionsländern angebaut werden können? 

Das ist möglich, wenn die Verbraucher beim Preis mitziehen. Und die Chancen dafür steigen, wenn der Einzelhandel seine Kunden gut darüber informiert, wie sich die Wertschöpfung verteilt. Ich empfehle den großen Lebensmitteleinzelhändlern auf die Schließung der Einkommenslücke hinzuarbeiten. Sie wollen wachsen – und auch die Bauern in Ghana wollen das. Existenzsichernde Einkommen sind schließlich kein Privileg, sie sind ein Menschenrecht.
 

Zur Person: Abubakar Afful und Solomon Boateng

Solomon Boateng ist Certification Risk Manager für die Kakao-Dachkooperative Kuapa Kokoo. Der Koordinator des „Way To Go“-Projekts hat mehr als zehn Jahre Erfahrung im Kakaosektor und bereits mehrere Nachhaltigkeitsprojekte begleitet.

Abubakar Benjamin Afful ist ebenfalls seit rund zehn Jahren für die Kakaobranche in Ghana tätig. Bevor er Teamleiter von Fairtrade Africa für Kakao wurde, hat er in einer Nichtregierungsorganisation als Projektleiter UTZ sowie Rainforest-Alliance-Zertifizierungen implementiert.
 

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