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Nachhaltiger als ihr Ruf

Textilien aus Bangladesch

Ein Erfolgsrezept von Lidl sind stabile und langfristige Beziehungen zu den Vertragspartnern. Die Grundlage dafür sind Transparenz und Verantwortung. Als erster Lebensmitteleinzelhändler mit Non-Food-Sortiment haben wir deshalb die Namen und Adressen der über 600 Hauptproduktionsstätten für das Textil- und Schuhsortiment unserer Eigenmarken veröffentlicht. Außerdem investieren wir vor Ort, so auch bei unseren Textillieferanten in Bangladesch. Eine wichtige Säule dabei ist die Kooperation mit der bundeseigenen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sie organisiert, berät und steuert unsere gemeinsamen Projekte in den Fabriken. 

Im Interview erklärt Dr. Timo Menniken, Executive Director Operations der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, wie solche gemeinsamen Maßnahmen das Leben der Menschen verändern.
 

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Herr Menniken, wie muss man sich eine Textilfabrik in Bangladesch vorstellen, die für eine internationale Handelskette produziert? 
Die meisten dieser Fabriken gehören mittelgroßen lokalen Unternehmern. Die Betriebsgröße schwankt stark, das können mal 500 und auch schon mal 10.000 Mitarbeiter sein. Fast alle Produktionsstätten liegen am Stadtrand von Dhaka oder in der Umgebung der 14-Millionen-Metropole und Hauptstadt von Bangladesch. Es sind in der Regel mehrstöckige Industriegebäude, in denen Textilien genäht werden. 

 

Welche Menschen arbeiten typischerweise dort? 
In der Regel sind es Frauen. Viele davon haben bereits Kinder. Bei allen Problemen, die der Sektor noch aufweist, bedeutet die Arbeit als Näherin gesellschaftlich betrachtet doch einen Schritt aufwärts. Die Textilarbeitsstellen verkörpern in Bangladesch sozialen Status. Man könnte sogar fast sagen, dass dort, gemessen an den gesellschaftlichen Verhältnissen im Land, eine Art neue Mittelschicht entsteht. 
 

Führt das nicht dazu, dass die Unternehmer sich die Verbesserungen sparen, die sie eigentlich selbst erledigen sollten – etwa bei der Gebäudesicherheit?
Das sehe ich nicht so. Denn wir verfolgen mit unserer Arbeit strikte Ziele. Wir setzen zum einen ganz konkrete Maßnahmen um. Wir lassen also in einer Fabrik z.B. eine Feuertreppe installieren oder setzen durch entsprechende Aus- und Fortbildung eben auch die Belegschaft, Fabrikmanager und Unternehmer in den Stand, künftig eigene Maßnahmen vorantreiben zu können, etwa um Unglücke oder Unfälle zu vermeiden.

 

Wie laufen solche Fortbildungen konkret ab?
Zum Beispiel üben wir mit den Belegschaften der Fabriken im Auftrag von Lidl das Feuerlöschen. Dazu wird ein Feuer im Hof entfacht und der Umgang mit den Löschmitteln geübt. Bis zu 50 Mitarbeitern wird in solchen Kursen beigebracht, wie man ein Feuer unter Kontrolle bringt, wo die Fluchtwege verlaufen, was die entsprechenden gelben Markierungen bedeuten und welche Leute das Gebäude im Brandfall in welcher Reihenfolge verlassen sollten. Unsere Erfahrung besagt: Wenn wir ein Drittel der Belegschaft in dieser Weise schulen, dann reicht das, um mit deren Hilfe das ganze Gebäude im Brandfall zu evakuieren. Wir haben insgesamt bereits mehr als 100 Textilunternehmen im Hinblick auf Brandschutz im Auftrag von Lidl überprüft.

 

Hat sich eine dieser Maßnahmen schon im Ernstfall bewährt?
Ohne Zweifel, ja. Wir hatten einen kleineren Brand in einer Fabrik. Nicht zuletzt aufgrund des Trainings, das die Angestellten vorher bekommen hatten, konnten schließlich alle 3.500 Mitarbeiter reibungslos und unverletzt evakuiert werden. 

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Vor fünf Jahren stürzte eine große Textilfabrik ein. Viele Todesopfer waren damals zu beklagen. Wird noch vielerorts unter solchen Bedingungen produziert?
Die meisten neuen Fabriken haben einen soliden baulichen Zustand. Es gibt aber auch noch welche, bei denen während der raschen Wachstumsphase des Sektors schlicht Stockwerk auf Stockwerk gesetzt wurde, ohne dass da jemand nachgeprüft hat, ob das statisch trägt. Das wirft natürlich Sicherheitsrisiken auf. Dennoch sind bei der Gebäudesicherheit große Fortschritte erzielt worden – vor allem nach dem Unglück in Sabhar. Neben Sozial- und Umweltstandards bleibt dieses Thema jedoch ohne Zweifel ein Schwerpunkt unserer Zusammenarbeit mit Lidl.
 


Die GIZ berät Textilfabriken, die an Lidl liefern, bei der Einführung nachhaltiger Standards. Der Discounter bezahlt diese Maßnahmen in vollem Umfang. Wie sieht die Umsetzung im Alltag vor Ort aus?
Unser Team ist fast durchweg in den Produktionsstätten unterwegs. Rund 20 Spezialisten sind für dieses Projekt in Dhaka aktiv. Eine Kollegin kommt aus Europa, die übrigen Teamkollegen sind aus Bangladesch. Zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern sind dabei, aber auch Ingenieure. Wir haben zudem einen Statiker, einen Elektriker und auch einen ausgebildeten Feuerwehrmann an Bord. Diese Teams kämpfen sich jeden Morgen durch den dichten Verkehr in Dhaka an den Stadtrand und sind dort dann den ganzen Tag in den Fabriken tätig. Etwa vier von fünf Tagen der Woche vergehen mit solchen direkten Beratungsaufenthalten vor Ort. Der Rest der Zeit entfällt auf Büroarbeiten.

 

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Lässt sich denn der Erfolg dieser Maßnahmen immer so exakt beziffern?
In vielen Fällen lässt sich der Fortschritt genau in Zahlen ausdrücken. Der medizinische Dienst, den Lidl z.B. finanziert, kann detailliert sagen, wie viele Behandlungen von Arbeitsunfällen, Bluttests, Sehtests oder Schwangerschaftstests durchgeführt oder wie viele Sehhilfen ausgegeben wurden. Oder wir wissen natürlich, dass wir mittlerweile in mehr als 100 Fabriken rund 170.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in der Verbesserung von Sozial- und Umweltstandards im Auftrag von Lidl geschult haben. Bei anderen Nachhaltigkeitsmaßnahmen muss man das mehr qualitativ beschreiben, etwa den Fortschritt beim Arbeitsschutz oder der sozialen Absicherung.

 

Wie dokumentieren Sie denn diese Fortschritte?
In der Regel arbeiten wir ja vergleichsweise lang mit einem Textilproduzenten zusammen – mindestens zwei Jahre. Zu Beginn wird der Status quo des Unternehmens schriftlich und durch Fotos festgehalten. Daraus werden die empfohlenen Maßnahmen abgeleitet. Alle drei Monate wird der Fortschritt beschrieben und mit Lidl und den Importeuren der Textilien nach Deutschland erörtert. Ich selbst bin zu diesen Gesprächen auch mehrmals im Jahr vor Ort in den Textilfabriken.


Was passiert, wenn eine Maßnahme in der Fabrik nicht angenommen wird?
Dann müssen wir sie korrigieren. Nehmen Sie das Beispiel Kinderbetreuung. Da raten wir den Fabriken inzwischen zu betriebseigenen Kinderkrippen. Denn die meisten Frauen, die dort arbeiten, haben, wie schon gesagt, bereits Kinder. Wir registrieren natürlich den Fortschritt bei der Einrichtung der Krippe oder bei der Einstellung einer Betreuungskraft. Wir schauen aber auch, ob ein solches Angebot dann von den Menschen vor Ort angenommen wird. Wenn nicht, führen wir Befragungen durch, woran das liegt, um das Angebot attraktiv zu machen.

 

Der Zugang zu medizinischer Versorgung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Wie sieht das in den Fabriken aus?
Die Versorgung ist in Bangladesch häufig nicht so leistungsfähig, dass sie alle Beschäftigten im Textilsektor erreichen würde. Auch deshalb ist z.B. ein kostenfreier Gesundheitsdienst ins Leben gerufen worden, der von Lidl finanziert wird. Dabei fahren derzeit zwei Teams, jeweils ein Arzt und eine Krankenschwester, mit komplett ausgestatteten Sanitätsfahrzeugen rund zehn Fabriken an, mit denen wir zusammenarbeiten. Das bedeutet, dass pro Woche etwa eine Sprechstunde pro Fabrik gehalten werden kann. Insgesamt haben wir damit bereits über 80.000 Menschen medizinisch betreut.

 

Auf welche Probleme treffen die Ärzte?
Auch diese Maßnahme besteht aus einer Mischung aus konkreter ambulanter Behandlung und Fortbildung. Es geht zum einen um die allgemeine Gesunderhaltung der Belegschaft, das reicht von Überweisungen an Fachärzte, wenn es sich um schwerwiegendere Probleme handelt, bis zur Ausgabe von Medikamenten und Sehhilfen, wo es nötig ist. Die Maßnahme besteht aber auch aus Gesundheitsschulungen, in denen etwa vermittelt wird, dass es sich lohnt, die eigene Blutgruppe zu wissen, oder wie eine Meldekette bei einem Unfall ideal abläuft.

 

Sie sagen, es wird in den meisten von der GIZ unterstützten Textilfabriken auf oder über Mindestlohn gezahlt. Halten Sie denn diese Entlohnung für angemessen?
Ich erwarte, dass das Problem einer wirklich angemessenen Einkommensstruktur noch längere Zeit eines bleiben wird. Der Mindestlohn für unqualifizierte Hilfsarbeiter ist mittlerweile auf umgerechnet 60 Euro im Monat angehoben worden, Näherinnen verdienen in der Regel mehr. Die Diskussion, ob dieses gesetzliche Minimum reicht und existenzsichernd sein kann, ist in Bangladesch jedenfalls in vollem Gange. Dort hat ein solcher Betrag natürlich eine viel höhere Kaufkraft als in Deutschland. Ich rechne dennoch damit, dass er bald noch einmal angehoben wird, weil eben auch in diesem Land die Lebenshaltungskosten stark steigen.

 

Etliche Abnehmer von Textilien aus Industrieländern wollen hier offenbar schon jetzt etwas mehr tun. Wie sieht das aus?
Da gibt es Initiativen. Die GIZ hat z.B. über vier Jahre hinweg in einer Fabrik die Umsetzung einer Lohnaufstockung zu einem 13. und 14. Gehalt übernommen, die in diesem Fall von Lidl finanziert wurde. Dabei wurden die Löhne um etwa zehn bis 15 Prozent über den gesetzlichen Mindestlohn angehoben, um die allgemeine Versorgungslage der Textilarbeiterinnen zu verbessern. Unser Part als Berater lag bei dem Projekt darin, den 6.000 Mitarbeitern innerhalb von zwei Tagen diesen Bonus zukommen zu lassen, was keine leichte logistische Aufgabe war.

 

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Wie wichtig ist für Bangladesch eigentlich die Nachfrage westlicher Handelsketten nach Textilien?
Die Bevölkerung von Bangladesch wächst rapide. Um für so viele Menschen genügend Einkommen zu generieren, braucht das Land ein Wirtschaftswachstum von mindestens fünf bis sechs Prozent pro Jahr. Dafür ist die Textilindustrie in der Lieferkette westlicher Textilabsatzmärkte extrem wichtig. Sie stellt immerhin 80 Prozent der Exporte des Landes.

 

Achten Sie denn selbst als Verbraucher auf nachhaltige Auswahl bei der Bekleidung?
Mir fällt es, wie vermutlich vielen Verbrauchern, auch nicht immer leicht, die Lieferketten voll zu durchschauen. Daher ist Transparenz und die Offenlegung von Lieferketten von Handel und Produzenten sehr wichtig, um eine bestimmte Kaufentscheidung zu treffen. Neben dem Klimawandel ist eben die nachhaltige Produktion von Lebensmitteln und Textilien und die dazu nötige Transparenz der Lieferkette das überragende Thema unserer Zeit. Das sage ich auch als Vater von vier Kindern, denn diese Generation wird das in noch viel größerem Maße betreffen.