Lidl fragt...Experten antworten

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Der Ackerboden lebt für uns alle

Der Aufbau von Humus ist ein wirksames Mittel für mehr Biodiversität und gegen den Klimawandel. Die Landwirtschaft kann dabei eine Schlüsselrolle einnehmen, meint Josef Braun, Biolandwirt und stellvertretender Vorsitzender der Bioland Stiftung.

Herr Braun, Humus ist Teil der Lebensgrundlage für uns Menschen – warum?

Er sorgt für Artenvielfalt, weil er eine Flora und Fauna beherbergt, die einen nachhaltig fruchtbaren Boden ausmachen. Außerdem schützt er das Klima. Er besteht aus Resten von Pflanzen, die den Kohlenstoff zu Lebzeiten gespeichert haben. Eine Humusschicht von nur 1,5 Prozent des Nutzbodens speichert 120 Tonnen CO2 pro Hektar Ackerfläche. Würden wir eine solche Humusschicht auf allen heute verfügbaren Agrarflächen der Erde aufbauen, könnten wir damit das gesamte von Menschen in die Atmosphäre eingetragene CO2 klimaunschädlich machen. Die Bedeutung von Humus für unsere Lebensgrundlagen liegt damit auf der Hand.

Warum ist die Humusschicht so stark geschrumpft – zwei Drittel sind schon abhandengekommen?

Weil wir ein Agrarsystem entwickelt haben, das nicht mehr auf humusreiche Böden baut. Nehmen Sie etwa die Einführung von Mais als Viehfutterpflanze in den 60er Jahren. Davor nutzte man Gras und Klee. Diese Grünpflanzen bauen Humus ganz natürlich auf und halten ihn mit den Wurzeln im Boden. Mais wird dagegen immer wieder untergepflügt, was CO2 freisetzt. Auch immer mehr Stickstoffdünger hat die Chemie im Boden verändert, sodass er CO2 abgibt und sich der Humus dabei abbaut. Die Folge: Zwei Drittel des CO2-Eintrags auf der Erde stammen aus Landnutzungsänderungen – also etwa aus den neuen Agraranbauweisen. 

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Wie kann man diese Entwicklung zurückdrehen, damit sich Humus wieder bildet?

Wir sollten wieder mehr Rinder mit Grünfutter ernähren. Stellen Sie sich vor, der Einzelhandel würde Milch und Milchprodukte im Einkauf danach bezahlen, was die Kühe gefressen haben. Je höher der Grasanteil desto höhere Preise erzielen die Erzeuger – je mehr Soja und Mais sie verwenden, desto weniger gibt es. Das wäre eine effektive Lenkungsmaßnahme, um verlorengegangenen Humus aufzubauen.

Wie könnten sich mehr Landwirte nicht nur als Lebensmittelproduzenten, sondern auch als Klima- und Artenschutzwirte verstehen?

Indem wir sie darüber informieren, wie Landwirtschaft auch Naturschutz bedeuten kann. Daher unterstützt Lidl auch unser Projekt Boden.Klima. Zudem sollten Landwirte auch etwas daran verdienen, wenn sie durch Humusaufbau für Klima- und Artenschutz sorgen. Mit unserem Klima-Projekt entwickeln wir gerade ein entsprechendes System. 

Wie lässt sich das praktisch organisieren?

CO2-Emittenten, etwa Unternehmen und Landwirte, sollen über uns ins Geschäft kommen. Wir kalkulieren, dass pro Tonne ausgestoßenes CO2 ein Emittent zwischen 45 und 60 Euro bei so einem Kompensationsgeschäft bezahlen müsste. Der Landwirt, der durch nachhaltige Landwirtschaft den Humus aufbaut und die Emissionen neutralisiert, bekommt davon 30 Euro und der Rest fließt in Fortbildungsmaßnahmen zum Thema Bodenleben und in die Nachweise, dass die Landwirte auch tatsächlich Humus aufbauen. So würde Landwirten ein Zusatzeinkommen für ihren wichtigen Beitrag zum Klimaschutz verschafft.

Andere Futterpflanzen und nachhaltigere Anbaumethoden – wie würde der Humusaufbau die moderne Landwirtschaft verändern?

Es würde bedeuten, dass wir langfristig bei der Ernährung weniger tierisches Eiweiß und Getreide zu uns nehmen und stärker auf Gemüse wie Kartoffeln, Obst und fetthaltige Nahrungsmittel wie etwa Nüsse setzen müssten. Kühe und Milchvieh würden das Grünland nutzen. Und Schweine und Hühner würden aus Resten der Lebensmittelproduktion gefüttert. Agrarflächen wären weniger große Ackerflächen, sondern gemischte Felder, die mehr Humus, Klimaschutzeffekt und Bodenleben bieten. 

Setzen Sie das als Landwirt bereits so um?

Ja klar. Bei mir im Stall gibt es nur Grünfutter und Klee. Die Tiere laufen frei auf der Weide herum. Auf meinen Feldern stehen Getreide- und Kartoffelsorten, die unterschiedlich hoch werden. Dazwischen ist Platz für Leguminosen wie Lupinen, Klee und Kornblumen. Diese ausgewogenen Pflanzengesellschaften auf dem Acker sind im Kollektiv robust gegen Krankheiten und mein Boden ist arten- und humusreich. An die sieben Organismengruppen leben dort – Pilze, Bakterien, Algen aber auch viele Regenwürmer. 

Wie kommen wir zu dieser Landwirtschaft, wenn Verbraucher sich noch oft für das günstigere statt für das nachhaltigere Lebensmittel entscheiden? 

Einzelhändler wie Lidl schreiben jede Woche Millionen Haushalte an. Das ist eine einmalige Chance die Konsumenten dafür zu sensibilisieren, dass Themen wie Ernährung, Humus, Klimaschutz und Artenvielfalt zusammenhängen. Die Politik könnte zudem den Handel mit CO2-Zertifikaten für die Landwirtschaft in Gang bringen. Der Staat hätte damit die Einnahmen, um Verbraucher, die sich nachhaltigere Lebensmittel nicht leisten können, zu bezuschussen. Ich glaube, dann ändern sich auch Verbrauchergewohnheiten - wenn auch vermutlich nicht von heute auf morgen.


 

Zur Person: Josef Braun

Josef Braun ist gelernter Landwirt. Seinen Hof bei Freising hat er vor 32 Jahren auf biologische Landwirtschaft umgestellt und bewirtschaftet ihn nach Bioland-Standard. Braun setzt sich seit Jahrzehnten für nachhaltigen Landbau ein, der die Bodenqualität in den Mittelpunkt stellt. Er engagiert sich in der Bioland Stiftung, mit der Lidl beim Humusaufbau zusammenarbeitet.