Lidl fragt...Experten antworten

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Salz und Zucker Gramm für Gramm reduzieren

Der Arzt und Gesundheitswissenschaftler Kai Kolpatzik kennt den Wert einer gesunden Ernährung. Als Leiter Prävention des AOK-Bundesverbands tritt er für salz- und zuckerärmere Lebensmittel ein. Hersteller, Handel, Verbraucher – vor allem aber die Politik – müssen laut dem Gesundheitswissenschaftler an einem Strang ziehen, um Veränderungen bei der täglichen Ernährung anzustoßen.

Herr Kolpatzik, wie groß ist das Problem von zu hohem Zucker- und Salzkonsum?
Das Problem ist enorm. Der Pro-Kopf-Konsum in Deutschland ist deutlich zu hoch und das hat gravierende Folgen. Zu viel Zucker führt zu Übergewicht und zu Krankheiten wie Diabetes Typ 2 und Karies. Adipositas, also starkes Übergewicht, kostet die Gesellschaft beispielsweise rund 63 Milliarden Euro im Jahr. Die jährlichen Behandlungskosten von Karies betragen über 8 Milliarden Euro. 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen sind übergewichtig. Diese Kosten tragen wir alle – unter anderem über die Krankenkassenbeiträge. Gegen Fehlernährung kann aber jeder etwas tun, vom Hersteller über den Handel bis zum Verbraucher und zur Politik.
 
Wie groß ist denn das tatsächliche Zuviel an Zucker und Salz?
Der aktuelle Konsum in Deutschland liegt bei 95 Gramm Zucker pro Tag, also fast die doppelte Menge wie von der WHO empfohlen. Beim Salz, im Übermaß vor allem verantwortlich für Herz-Kreislaufprobleme, liegen mehr als 80 Prozent der Deutschen über der empfohlenen Menge von 5 Gramm. Trotzdem hat es Deutschland als einziges europäisches Land bis heute nicht geschafft, hierzu die Empfehlungen der EU aus dem Jahr 2008 für eine verbindliche nationale Reduktionsstrategie umzusetzen.
 

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Wer hätte den größten Hebel, diesen Überkonsum von Salz und Zucker zu reduzieren?
Das ist eindeutig der Gesetzgeber – und zwar mit verbindlichen Vorgaben. Denn die freiwilligen Selbstverpflichtungen, wie sie hierzulande existieren, werden die Gesundheit der Menschen nicht wirklich verbessern. Bei Limonaden hat sich etwa der durchschnittliche Zuckergehalt von über acht Gramm pro 100 Milliliter von 2018 zu 2019 um nicht einmal 0,1
Gramm je 100 Milliliter reduziert. Verbindliche Vorgaben wären besser, da kein Wettbewerbsnachteil entsteht, wenn alle Hersteller den Zucker- oder Salzgehalt innerhalb der einzelnen Teilmärkte gleichzeitig in ihren Produkten senken müssen. Eine Zuckerreduktion von zehn Prozent wird von den Verbrauchern erwiesenermaßen nicht bemerkt. Die Reformulierung selbst ist meist kein Problem. Händler wie Lidl haben schon bei mehreren Produkten bewiesen, dass eine solche Umstellung möglich ist. 

Das Bundesministerium für Ernährung setzt auf den freiwilligen Nutri-Score. Welche Wirkung hat dieses Ampel-System zur Kennzeichnung von Lebensmitteln?
Die bisherigen Ernährungsinformationen auf der Verpackungsrückseite sind sehr komplex formuliert. Dafür braucht man quasi ein ‚Lebensmittel-Abitur‘. Laut Untersuchungen hat aber jeder zweite Deutsche eine schlechte Gesundheitskompetenz. Da hilft eine laienerfassbare Kennzeichnung wie der farbige Nutri-Score. Tests in Frankreich haben ergeben, dass Kunden nährwertreicher und zuckerärmer Einkaufen, wenn Lebensmittel mit den Ampel-Signalfarben gekennzeichnet sind. Im nächsten Schritt ist deshalb eine verbindliche Einführung in Deutschland erforderlich, die auf EU-Ebene festgelegt werden muss. 

Welche Rolle haben Einzelhändler wie Lidl, um der Fehlernährung entgegenzuwirken?
Lidl hat als erstes Handelsunternehmen eine Strategie zur Reduktion von Salz und Zucker in Lebensmitteln entwickelt und zeigt die Verringerungen in Produkten auf. Das war lange bevor das Bundesministerium für Ernährung mit Industrie und Verbänden gemeinsame freiwillige Zielvereinbarungen hierfür angestoßen hat. Noch liegt Lidl bei einigen Produkten wie den Frühstückscerealien über der Empfehlung der WHO mit 15 Gramm Zucker pro 100 Gramm. Aber wir hatten Lidl schon 2017 zum ersten Zuckerreduktionsgipfel der AOK eingeladen, damit sich andere Unternehmen an einem Vorreiter orientieren können. Zugleich haben Handelskonzerne wie Lidl neben ihren Eigenmarken einen großen Einfluss auf den Einkauf von Fremdmarken. Den sollten sie gegenüber den Anbietern auch im Sinne von weniger energiedichten oder salzärmeren Produkten für den Verbraucher nutzen.

Wie bewerten Sie die Lidl-Löffel-Kampagne, bei der Lidl als Signal zur Zuckerreduktion spezielle Löffel mit Wölbung an seine Kunden verteilt hat?
So etwas ist natürlich erstmal Symbolik, aber eine, die Aufmerksamkeit schafft. Das allein führt aus meiner Sicht noch nicht zu einer Verhaltensänderung, kann aber ein guter Ausgangspunkt für weitere Aktivitäten sein. Lidl hat beispielsweise an den Kaffeeautomaten eine Taste eingeführt, mit der man den Zuckergehalt im Getränk um 20 Prozent senken kann. Die Lidl-Löffel-Kampagne konsequent weiterzudenken – im ersten Schritt Bewusstsein zu schaffen und im nächsten Schritt Angebote zu machen, wie Verbraucher ihren Zuckerkonsum selbst reduzieren können – ist aus meiner Sicht ein guter Weg.

Könnten nicht auch die Krankenkassen die Versicherten dazu bringen, sich zucker- und salzärmer zu ernähren?
Das machen wir als AOK bereits auf unterschiedlichen Wegen. Wir setzen hier im Kindesalter mit Aufklärungskampagnen an. Die AOK ist aktuell in 4.400 deutschen Kindergärten und vermittelt damit frühzeitig und spielerisch Wissen rund um gesunde Ernährung. Damit erreichen wir zugleich mehrere hunderttausend Familien. Das hat unserer Ansicht nach die größte Wirkung auf das spätere Verbraucherverhalten. Ähnliche Programme gibt es auch für Schulen und ganz klassisch für Erwachsene in Form von Kochkursen im Rahmen der AOK-Gesundheitsangebote. 
 

Zur Person: Dr. med. Kai Kolpatzik

Dr. med. Kai Kolpatzik ist Arzt und Gesundheitswissenschaftler. Als Assistenzarzt arbeitete er in der Chirurgie in Krankenhäusern in Freiburg und am Bodensee. Stationen in der Gesundheitswissenschaft waren die Universität Bielefeld – mit Abschluss Master of Public Health und European Master of Public Health – und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Seit 2009 leitet er die Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband mit Schwerpunkten in Prävention und Gesundheitsförderung, Ernährung, Gesundheitskompetenz, Gesundheitskommunikation sowie digitaler Gesundheit.