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Im Gespräch mit Bioland-Winzer Gustav Pfaffmann

Gustav Pfaffmann liegen Natur und Tiere am Herzen. Und natürlich – als Spross einer alteingesessenen Winzerfamilie – gute Weine. Warum also nicht alles kombinieren? Heraus kam Deutschlands größtes Bio-Weingut: Vor 4 Jahren stellte Pfaffmann seine Flächen komplett auf Bioland um und produziert seitdem vegane Naturweine.
Wir haben mit Bioland-Winzer Gustav Pfaffmann über sein Bio-Weingut gesprochen.

Was unterscheidet Bioland- von herkömmlichem Weinanbau?
Bei Bioland wird ökologisch zum Wohle der Natur bewirtschaftet, und zwar nach sehr strengen Richtlinien. Es gibt 3 Säulen, die anders sind als beim konventionellen Anbau: Düngung, Pflanzenschutz und Herbizide.

Statt konventioneller Düngemittel nutzen wir unsere eigene Humusversorgung. Wir stellen im Jahr 500t eigenen Kompost aus Pferde- und Kuhmist, Stroh und Blumenerde her. Er gewährleistet den Humusgehalt, damit die Bodenlebewesen sich gut entwickeln können. Dies ist wichtig, weil es zum guten Wachstum der Reben beiträgt.

Die zweite Säule ist der Pflanzenschutz. Wir müssen die Reben im Sommer pflegen, weil wir wegen der Witterung mit Pilzen und tierischen Schädlingen rechnen müssen. Hier haben wir spezielle organische ökologische Mittel, z. B. Meeresalgenkalk, Orangenöl, Backpulver oder Schachtelhalmextrakt. Das haben die Biopioniere vor ein paar Jahrzehnten noch in der eigenen Badewanne angesetzt. Heute kaufen wir das natürlich fertig, doch es sind immer noch alles reine Naturprodukte, die die Nützlinge wie Bienen usw. nicht schädigen.

Das Dritte ist die Herbizidbehandlung. Man arbeitet im konventionellen Weinbau oft mit künstlichen Stoffen wie Glyphosat. Das ist bei uns ganz klar verboten. Wir sehen das Unkraut nicht als Konkurrenz. Wenn es überhandnimmt, wird es zur Not mit der Hacke ausgemacht.

Wie sind die Unterschiede zwischen konventionellen und Bio-Weinen?
Vor 20 Jahren konnte man im Geschmack noch einen großen Unterschied feststellen – das ist heute nicht mehr der Fall, wie Verkostungen immer wieder beweisen. Der große Vorteil von Bio-Weinen ist, dass sie nachhaltiger sind und eine längere Lebensdauer haben. Wo ein konventioneller Wein z. B. nach 8 Jahren seine Qualität verliert, kann das Bio-Pendant 10 bis 11 Jahre halten. Das liegt daran, dass Öko-Weine mehr Inhaltsstoffe und mehr Struktur haben. Darüber gibt es bereits Studien. Hinzu kommt, dass wir die Kaltgärmethode benutzen. Vor allem Weißweine werden in Kühltanks vergoren, damit sie in Ruhe reifen können und keine wertvollen Inhaltsstoffe verlieren. Ganz im Gegenteil, denn sie entwickeln dadurch sogar noch mehr Inhaltsstoffe. Das hat man früher nicht gekannt. Ansonsten werden alle Bioland-Weine natürlich in unabhängigen Labors auf Rückstände kontrolliert, so dass man als Kunde sicher sein kann, geprüft rückstandsfreie Weine zu genießen.

 

Gibt es Unterschiede zum EU-Bio oder anderen Bio-Weinen?
Ja. Wir haben uns entschlossen, uns Bioland anzuschließen, da es ein Verband ist, der noch strengere Richtlinien hat als das EU-Bio. Kurz gesagt: Die Grenzwerte sind niedriger und die Kontrollen stärker. Es gibt immer wieder unangekündigte Kontrollen, bei denen die Weinberge begangen werden und alles genau geprüft wird. Hier werden also viel striktere Maßstäbe angelegt. Der Endverbraucher hat dadurch eine bessere Transparenz und vor allem ein sicheres Gefühl, etwas Vernünftiges zu kaufen. Ich muss mir außerdem die Zertifizierung für Bioland jedes Jahr neu erarbeiten. Es ist ein 100-Punkte-System, und ich muss 98 Punkte erreichen, um eine Zertifizierung zu bekommen. Die lege ich auch jedes Jahr Lidl vor, damit die Kunden wissen, dass das, was draufsteht, auch drin ist.

Was eint die Bio-Weinbauern, was ist ihre Philosophie?
Von den genannten Unterschieden abgesehen, sind wir alle im gleichen Boot. Man muss für jeden Bio-Landwirt und -Winzer dankbar sein, da sie für unsere Natur und die Biodiversität sorgen und die Böden für die nächsten Generationen gesund halten. Ich hoffe, dass sich die Bio-Landwirtschaft weiterentwickelt und noch mehr junge Leute den Mut haben, diesen Schritt zu wagen. Als ich vor 10 Jahren umstellte, haben alle den Kopf geschüttelt und mir vehement abgeraten. Und auch heute lernt man in 3 Jahren Weinbauschule gerade mal in 2 Stunden was über ökologischen Weinbau. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Wenn sich jemand entschließt, Bio zu machen, kann er es nur bei Ausbildungsbetrieben wie unserem lernen. Wir haben Lehrlinge und Praktikanten aus der ganzen Welt, die bei uns den ökologischen Gedanken lernen wollen. Dazu gehört nicht nur das Arbeiten selbst, sondern zuerst einmal, die Ideologie dahinter zu verstehen: Warum mache ich das überhaupt? Wer Bio nur wählt, um damit mehr Geld zu verdienen, hört besser gleich auf, denn das ist der falsche Ansatz. Wenn man Bio macht, muss man aus tiefster Seele heraus voll dahinterstehen und sagen, ja, ich will was Gutes tun. Den Mehrpreis der Produkte brauche ich natürlich, um den Mehraufwand zu kompensieren, doch das sollte nicht die Motivation sein. Hier sind übrigens auch die Endverbraucher gefragt: Ohne die Menschen, die z. B. bei Lidl die Bio-Weine kaufen, gäbe es keine Hoffnung, dass sich alles zum Nachhaltigeren wendet.

Sind Bioland-Weine immer auch vegan?
Nein, das war ein weiterer Schritt von uns, weil wir einfach konsequent sein wollten. Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass tierische Produkte im Wein sind. Vegan bedeutet, dass unsere Weine ohne tierische Zusatzstoffe wie Hühnereiweiß, Kasein oder Gelatine ausgebaut sind, die sonst z. B. beim Filtern und Klären verwendet werden. Wir arbeiten mit Erbsenprodukten. Da man solche Dinge nicht in Lehrbüchern lesen kann, haben wir viel Aufwand betrieben, um uns heranzutasten und die richtigen Mischungen und Anwendungstechniken zu finden. Der vegane Weinausbau wird auch in Zukunft mehr Beachtung finden.

Wie sorgen Sie für Biodiversität/Artenvielfalt?
Freiwillige Zusatzmaßnahmen zu den genannten drei Säulen sind hier wichtig – als Biobauer will man sich einfach noch stärker engagieren. Ich bin z. B. Mitglied im Naturschutzbund und plane diverse Ökoveranstaltungen. So habe ich letztes Jahr mit meinen Mitarbeitern und Studenten zwei Storchennester und vor zwei Jahren einen Biodiversitätsturm gebaut. Wir bauen auch jedes Jahr mindestens ein Bienenhotel, das wir in den Weinbergen platzieren. Drumherum muss dann natürlich auch eine Blühweide sein, damit die Insekten Nahrung finden. Überhaupt sind Blühstreifen ein zentrales Thema bei der Artenvielfalt. Sie bieten gleich drei Vorteile: Wir schützen die Bienen und andere Nützlinge, denn ohne Bestäuber gibt es kein Leben. Wir schaffen eine schöne Landschaft für Touristen, die sich beim Radeln oder Wandern durch die Weinberge daran erfreuen können. Und schließlich tut es auch uns selbst gut, wenn wir im Weinberg arbeiten und die bunten Blumenwiesen sehen. Das läuft übrigens alles zusätzlich und auf eigene Rechnung: Um die Blühweiden anzulegen und zu pflegen, geben wir jedes Jahr 10.000 Euro aus. Doch die genannten Vorteile sind es mir wert.

Welche Bedeutung haben gesunde Böden für den Weinbau speziell?
Wir haben einen großen Betrieb in der Pfalz, aber trotz des einheitlichen Standorts unterschiedlichste Böden und Bodenstrukturen. So gibt es bei uns z. B. Kalksteinverwitterung, Kalksteinfels, Löss, Lehm, sandigen Lehm oder Ton. Früher hat man nicht so stark wahrgenommen, dass nicht jede Rebe auf jedem Boden wächst. Man hat also oftmals Pflanzen auf den falschen Boden gepflanzt und hatte schlechte oder gar keine Erträge. Denn Böden sind sehr unterschiedlich im Humus- und Nährstoffgehalt. Heute wissen wir, dass es nicht nur auf die Bodenbeschaffenheit, sondern auch die Bodengesundheit ankommt. Wenn wir einen neuen Weinberg pflanzen, entnehmen wir zunächst Bodenproben, die von einem Labor untersucht werden. So kann ich die richtige Rebe auf den richtigen Boden pflanzen, um damit den größtmöglichen Erfolg zu haben. Außerdem weiß ich anhand der Werte, wie ich meinen Kompost zusammenstellen muss, damit ich aus eigener Kraft fehlende Nährstoffe ausgleichen kann. Denn mit einem neuen Weinberg legt man sich auf 30 Jahre fest, daher will das gut überlegt sein.

Falls das Labor Rückstände von Altlasten wie Dioxin und Arsen feststellt – was bei mir zum Glück noch nie der Fall war –, legt man eine sogenannte Gesundungsbrache an. Dann lässt man 4 bis 5 Jahre nur Blühweiden oder Luzernegräser wachsen, um den Boden durch Nichtnutzug zu gesunden. Auch Niederschläge helfen dabei durch Auswaschungen. Doch es braucht viel Zeit. Auch wenn wir noch nie eine Bodenbelastung hatten, legen wir immer wieder 1 bis 2 ha Sonderbrache an. Dies dient dazu, den Boden einfach mal ausruhen zu lassen. So können sich Bodenlebewesen wir Regenwürmer usw. wieder aktiv vermehren. Blühmischungen auf Brachen sind daher ein wesentlicher Beitrag zur Nachhaltigkeit des Bodens.

Wie hoch ist der Aufwand für Bioland- im Vergleich zu herkömmlichem Weinbau?
Da wir mehr von Hand machen müssen, um die Reben gesund zu halten, haben wir einen höheren personellen Aufwand und mehr Lohnkosten. Ein weiterer Faktor sind ökologische Spritzmittel, die sehr teuer sind und in der Eigenherstellung großen Aufwand erfordern. Daher haben wir ca. 15 –20 % Mehrkosten, verglichen mit dem konventionellen Anbau. Auch bei den Mühen lässt es sich genau kalkulieren: Normalerweise berechnet man die Bewirtschaftung eines Weinbergs mit 250 h/ha, sprich ein Weinbauer braucht 250 Stunden, um 1 Hektar zu bearbeiten. In unserem Fall sind es jedoch 350 Stunden. Denn wir bearbeiten mehr manuell und müssen immer mal wieder die Handharke oder Rebschere in die Hand nehmen. Der Aufwand ist also finanziell und arbeitsmäßig wesentlich höher.

Wie verhält es sich mit benachbarten Weinbauern?
Wir markieren unsere Weinberge gut erkennbar mit Bioland-Markierungen. Die Nachbarn wissen dann, dass sie vorsichtiger arbeiten müssen, damit unsere Weine nicht belastet werden. Manchmal muss man mit den Nachbarn darüber reden – da wurde auch schon mal lautstark diskutiert (lacht). Bisher hat das Labor glücklicherweise nie Rückstände in unseren Weinen festgestellt.

Wie offen sind die anderen Weinbauern für das Thema Bio?
Ich bin der einzige Bio-Weinbauer im Dorf. Vorher wurde ich skeptisch beobachtet; heute sind die jüngeren Kollegen offener, gehen immer wieder durch meine Weinberge und machen sich ein Bild, wie gut oder schlecht das Ganze ist. Das ist schon ein prima Ansatz, denn man denkt darüber nach. Langsam setzt also ein Umdenken ein, und ich gehe davon aus, dass sich in meiner Umgebung in den nächsten Generationen die Fläche im Biobereich stark erhöhen wird. Denn die anderen sehen, dass bei mir mehr Leben da ist – da brummt und summt es, und Schmetterlinge fliegen, während in konventionellen Weinbergen oft noch nicht mal mehr ein Vogel zu finden ist. Das ist wirklich ein großer Unterschied.

Früher hätte man auf ein spitz auslaufendes Stück noch mal zehn Rebstöcke draufgepackt, heute pflanze ich auch mal einen Apfel- oder Birnbaum, um die Artenvielfalt zu vergrößern und gegen Monokultur zu kämpfen.

Leisten Sie Überzeugungsarbeit?
Ich halte für meine Kollegen Vorträge in Ortsverbänden, wo ich meine gewonnenen Eindrücke schildere. Einfach um zu erklären, was man erleben kann und mit was man rechnen muss, wenn man auf Bio umstellen möchte. Wenn ich meinen Kollegen keine Tipps gebe, wird sich auch nichts verändern. Das ist meine Einstellung insgesamt: Wenn ich meinen Lehrlingen und Praktikanten das Wissen vermittele, dann können es auch meine Winzerkollegen erfahren. Ich habe nichts zu verbergen, sondern sage klar, was zu erwarten ist. Auch dass man hart dafür arbeiten muss und dass der Biogedanke erst fruchtet, wenn man erkennt, für was man das überhaupt macht.

Wie könnten sich mehr Weinanbauer nicht nur als Lebensmittelproduzenten, sondern auch als Klima- und Artenschutzförderer verstehen?
Zum Glück wird heute in landwirtschaftlichen Kreisen bereits nachgedacht, welchen Stellenwert ein Landwirt in der Gesellschaft hat. Vor allem wenn man das aus der Perspektive des Bio-Landbaus sieht, wo noch viel mehr für das ökologische Gleichgewicht gearbeitet wird. So können z. B. alle, die in Städten wohnen, bei uns Urlaub machen und die Natur genießen, die wir schützen – das wirft die Frage auf, ob ein (Bio-)Bauer oder -Winzer nicht auch schon ein Landschaftspfleger ist. Wenn man sich bemüht, Artenvielfalt z. B. durch Blühsäume und viele andere Maßnahmen zu fördern und dabei zum Wohle von Mensch und Natur freiwillig auf Ertragsflächen und Mehrerträge verzichtet, kann man durchaus die Frage stellen, ob man das nicht finanziell kompensieren könnte. Denn nur wenn immer mehr Landwirte sich dem anschließen, können wir das Ganze für die nächsten Generationen erhalten.

Wie ist Ihr Ausblick für den Bio-Weinbau?
Ich habe mich als erster Bioland-Winzer entschlossen, in den Lebensmitteleinzelhandel bzw. die Discounter zu gehen, da ich aufgrund der großen Fläche auch genügend Menge habe. Mit 66 Jahren bin ich nun fast im Rentenalter, arbeite aber trotzdem weiter. Der Hof hatte unlängst 400-Jahr-Feier, ich bin bereits die 17. Weinbauer-Generation, aber es gibt auch schon die 18. und 19. Ich beschäftige fast 60 Mitarbeiter und werde noch als Ratgeber gebraucht. Das mache ich gerne, denn ich habe in all der Zeit unschätzbares Wissen gesammelt, das sonst verloren gehen würde. Und ich hoffe, dass ich damit viele junge Kollegen motivieren kann, das lohnende Abenteuer Bio-Weinbau zu wagen.